#55 SCHWESTERN

Musik-/Tanztheater nach Tschechow
Musik/Tanz-Theater nach Anton Tschechows “Drei Schwestern” und Motiven und Texten aus dem Leben von Nele Winkler, Juliana Götze und Rita Seredßus ,
drei Schauspielerinnen mit Down-Syndrom / für fünf Schauspieler und fünf Musiker

[DE] Über Inklusion, also das Zusammenleben und -arbeiten von Menschen mit und ohne Behinderung auf Augenhöhe, wird viel geredet. Praktiziert wird sie selten. Auch nicht im Theater. Umso größeres Erstaunen rief 2012 ein Gastspiel der Berliner Theatergruppe RambaZamba im Grand Théâtre hervor: Bei Lilith’s Return spielten drei Schauspielerinnen mit Down-Syndrom Hauptrollen. Ganz selbstverständlich. Und ganz souverän. Nun kehren Nele Winkler, Juliana Götze und Rita Seredßus mit einem neuen Projekt nach Luxemburg zurück. Es verbindet eine literarische Vorlage mit dem realen Alltagsleben der Akteure.

schwestern entsteht in Anlehnung an Drei Schwestern von Anton Tschechow. Es verwendet, neben Textpassagen aus Tschechows Stück, Motive aus dem Leben der drei Protagonistinnen.  Tschechows Stück endet damit, dass die Schwestern das Haus, das ihr Bruder verpfändet hat, verlassen müssen. Maschas letzte Worte prophezeien einen möglichen Aufbruch, der zugleich Ungewissheit aber auch Veränderung mit sich bringen wird. Ihre letzten Worte sind: „Wir bleiben allein, um unser Leben von neuem anzufangen. Man muss leben ... Man muss leben ...“ An dieser Stelle setzt das Projekt schwestern ein. Es ist sozusagen ein ungeschriebener Epilog und führt die Handlung über den Rahmen des eigentlichen Stücks hinaus fort, ergänzt um Texte und Bezüge aus dem eigenen Leben der drei Darstellerinnen.

Nele Winkler, 32-jährige Tochter der Schauspieler-Legende Angela Winkler, ist in ihrem realen Leben, ebenso wie die Figur der Mascha, die sie spielen wird, vor einem Jahr von zuhause ausgezogen und wohnt jetzt in einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe e.V. – ein Verein, der Menschen mit Behinderung darin unterstützt, selbständig zu leben. Zusammen mit anderen Schauspielerinnen und Schauspielern mit Down-Syndrom wohnt sie in Berlin-Friedrichshain. Der Regisseur Frank Krug und der Choreograph Davide Camplani haben die WG im letzten Jahr regelmäßig besucht. Sehr offen erzählen die drei jungen Frauen, die die drei Schwestern darstellen werden, dabei aus ihrem Leben: Sie sprechen über Liebe und Beziehungsstress, über ihren Körper, der sie nervt, weil er zu dick ist, über Dinge, die ihnen peinlich sind, über das, was sie gern können und lernen möchten, und über Sehnsüchte, die ihre eigene Zukunft betreffen. Diese Gespräche bilden die Grundlage für die Motive aus dem Leben der drei, die in das Projekt eingewoben werden. Die Anlehnung an die Struktur der Drei Schwestern bildet den äußeren Rahmen des Projektes: Mascha, Olga und Irina sind ausgezogen. Sie wohnen zusammen in einer Wohngemeinschaft. Einzig ihre siebzigjährige Kinderfrau Anfissa (Angela Winkler), die sie seit nunmehr fast vierzig Jahren immer treu begleitet hat, ist mitgekommen.

Anders als bei Tschechow sind die Schwestern jedoch nicht abgeschoben in die Provinz. Der Ort ist die Lebenshilfe-WG, die Zeit des Geschehens ist heute. Aus der Perspektive der anderen mögen die Schauspielerinnen außerhalb des wirklichen Lebens stehen, dessen Anforderungen sie nicht oder kaum meistern können, tatsächlich aber sind sie mittendrin oder wie Nele Winkler es formuliert: „Hör auf zu suchen, ist doch alles hier. Passiert doch gerade.” Fatalismus macht faul und träge. Die Schwestern des Projektes sind aktiv, sie handeln, darin unterscheiden sie sich im Wesentlichen von Tschechows Drei Schwestern.

Am Ende ist vielleicht die Lebenshilfe-WG ein Ort, der anderen Lebenshilfe erteilt. Und die Aussage von Tschechows Figur Werschinin, dass in „zwei- , dreihundert Jahren ein neues, glückliches Leben entsteht”, erhält dabei vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte über die gezielte pränatale Früherkennung von Behinderungen eine prekäre Bedeutung. Die Schwestern unterlaufen alle Standards, die sich durch eine in höchstem Maße fragwürdige Qualitätskontrolle des ungeborenen Lebens zunehmend etablieren. Aber sie beanspruchen ihr eigenes Recht auf Zukunft, die es für sie jedoch nur geben kann, wenn ihnen kein selektives Gütesiegel den Zutritt dazu verwehrt.

[DIS]

Künstlerische Leitung, Regie Frank Krug
Bühne, Kostüm Irina Schicketanz
Choreographie Davide Camplani
Assistenz Bühne, Kostüm Gabi Bartels
Maske Michaela Parosanu, Petra Föhrenbach
Musik Ketan Bhatti
Licht Kevin Sock
Beleuchtung Fabian Boldt

Ton Lutz Nerger
Technische Leitung Jörg Schildbach

Mit
Mascha Nele Winkler
Irina Juliana Götze
Olga Rita Seredßus
Anfissa Angela Winkler
Andrej Tammo Winkler
Drumset Ketan Bhatti
Bassklarinette, Elektronics Milian Vogel
Viola Hannah Klein
Schlagwerk Matthias Engler
Cello Andreas Voss

Produktion TELEKULT Film- und Medienproduktion GmbH
Koproduktion Sophiensäle, Berlin, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, TAK Theater Liechtenstein

Gefördert aus Mitteln der Bundeskulturstiftung, Stiftung für Menschen mit Down-Syndrom.

 

 

Mercredi 11 FÉVRIER 2015 à 20h00 (tickets)
Jeudi 12 FÉVRIER 2015 à 20h00 (tickets)

DURÉE environ 1h15 (pas d'entracte)

Adultes 20€/ Jeunes 8€

Lieu: Grand Théâtre / Studio

Einführung zum Stück von Frau Simone Beck eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn (in Deutsch)

 

[TICKETS]2015-02-11 20:00:00 17785+2015-02-12 20:00:00 17786