#69 DIE FRAU UND DIE STADT

Eine Nacht im Leben der Gertrud Kolmar
Von Gerlind Reinshagen
In Deutsch

[DE] Auf der Suche nach neuen Darstellungsformen auf der Bühne hat das in Trier lebende Künstlerpaar Martina Roth und Johannes Conen sein bewegtbildtheater entwickelt. Mit außergewöhnlicher Konsequenz werden Schauspiel und Projektionstechnik miteinander verquickt, bis sie ein neues, gemeinsames, ästhetisches Profil entwickeln – und dem Zuschauer einen ganz eigenen, innovativen Zugang zu den Stücken ermöglichen. Zum wiederholten Male bereitet das Grand Théâtre die Bühne für eine Uraufführung. Und wieder ist es, wie in vielen Produktionen des Duos Roth/ Conen, eine deutsche Dichterin, die dem Vergessen entrissen wird: Gertrud Kolmar, geboren 1894 in Berlin, ermordet 1943 in Auschwitz. Lyrikerin, Jüdin, von Freunden als „rebellische Melancholikerin“ beschrieben. Eine der ganz Großen, in einer Reihe mit Else Lasker-Schuler, Nelly Sachs, Rose Ausländer. Die Berliner Schriftstellerin Gerlind Reinshagen, 1926 geboren und insoweit eine Zeitgenössin Kolmars, hat eine fiktive Nacht im Leben der Gertrud Kolmar in den Mittelpunkt ihrer 2008 veröffentlichten Geschichte Die Frau und die Stadt gestellt.

An einem ihrer letzten Berliner Tage besteigt Gertrud Kolmar im Morgengrauen die Siegessäule, um zu springen, um Schluss zu machen, selbstbestimmt, wenn auch nicht aus freien Stücken. Schließlich steigt sie wieder herunter. Sie hat beschlossen durchzuhalten. Dieser fiktive innere Monolog erzählt nicht nur von Bedrohung und Angst, sondern auch von der Liebe zu dieser Stadt und dem Mut, sich unter widrigsten Umständen persönliche Freiräume abzustecken.

Das Wichtigste war für mich vor allem die Frage: Wie läuft ein Künstlerschicksal unter einem Zwangsregime ab? Wie haben sich andere – Schriftsteller, Schauspieler, etc. – damals verhalten, wie hättest du selbst unter solchen Umständen reagiert? Hättest du den Mut gehabt, deinem Lebensentwurf zu folgen? Hättest du Kompromisse geschlossen? (Gerlind Reinshagen 2007)

Ließe Gerlind Reinshagen ihre literarische Figur den Selbstmord vollziehen, wäre ihr neuer Text nur einer unter vielen in der Literatur fiktiver Biographien geworden. Doch ihre Figur steigt von der Siegessäule wieder herunter. Sie beschließt durchzuhalten.

Mit dieser Entscheidung Kolmars, oder besser gesagt Reinshagens, avanciert dieses rhythmische Prosastück zur Ode an die Selbstbefreiung: Die Dichterin entscheidet sich, ihr Leben bis zum letzten Augenblick zu leben. Sie kämpft sich von Todesängsten frei und dichtet weiter. (Marina Neubert 2008)

Gerlind Reinshagen gehört seit den 1960er Jahren zu den wichtigsten deutschen Dramatikerinnen und Autorinnen. Sie war die erste Theaterautorin, deren Stücke aus dem deutschen Nachkriegsalltag landauf, landab gespielt wurden. Ihr erstes Stück Doppelkopf (1968), von Claus Peymann inszeniert, machte sie bekannt. Und mit ihren Sonntagskindern (1976) sorgte sie für eine Wende in der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Kriegsvergangenheit. Sonntagskinder bescherte der Autorin 1977 den Mülheimer Dramatikerpreis. Mit ihrer kraftvollen, direkten Sprache brachte Gerlind Reinshagen neue Impulse in die Literatur, experimentierte schon früh mit neuen Arbeitsweisen für die Bühne.

Die Frau und die Stadt. Eine Nacht im Leben der Gertrud Kolmar, wurde 2008 von der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung zum Buch des Monats gewählt und 2010 von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum „Horspiel des Monats Januar“. Zur letzten bewegtbildtheater-Produktion Staub jubelte die Presse.

» (…): künstlerische Perfektion, die den Zuschauern von der ersten bis zur letzten Minute merklich unter die Haut ging. Die Sprache von Gertrud Reinshagen schneidet scharf wie ein Skalpell und findet im präzisen und dichten Spiel von Martina Roth ihren Resonanzkörper. Trierischer Volksfreund

» Großartige Parabel auf eine Welt, die sich in fundamentaler Unordnung befindet. Martina Roth trägt sie so erschütternd vor – mit leiser und schneidender Stimme, mit einem hohen Lachen, das tiefe Verzweiflung anzeigt. Süddeutsche Zeitung

» Martina Roth packt mit ihrer berührenden Darstellung den Zuschauer. [...] eindrucksvolles Theater, das man auf keinen Fall verpassen sollte. Luxemburger Wort

» [...] überragende darstellerische Leistung [...] stolpernd, zitternd, ächzend, schwer atmend, aufgewühlt, erschöpft, bewegungseingeschränkt [...] an Intensität nicht zu überbieten. Braunschweiger Presse  

» Ins Wolfsburger Theater brachte Staub einen der künstlerisch herausragendsten Abende vergangener Spielzeiten. WAZ

[DIS]

Mit Martina Roth

Regie & Bewegtbild Johannes Conen
Kostümbild Ute Kuntzsch

Koproduktion bbt bewegtbildtheater, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Stadttheater Fürth, Theater Chur

Uraufführung am 16. Juni 2015 im Kapuzinertheater

 

Mardi 16 JUIN 2015 à 20h00 (tickets)

DURÉE environ 1h10

Adultes 20 €, 15 €, 8 € / Jeunes 8 €

Lieu: Théâtre des Capucins

Einführung zum Stück von Frau Simone Beck eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn (in Deutsch)

[TICKETS]2015-06-16 20:00:00 17838