(Kritikerumfrage der Zeitschrift tanz, Jahrbuch 2011)

Ein Wagnis, eine Unmöglichkeit, denn die Tanzkunst beruht vor allem auf Weitergabe, Erinnerung, Körpergedächtnis. In Helena Waldmanns Soloprojekt "revolver besorgen" bricht in die ganze Debatte um das Tanzerbe und die Tradition jäh das Vergessen ein, ausgerechnet durch eine ehemalige Berliner Staatsopernsolistin, die minuziös den klassischen Bewegungsapparat dem Zerfall aussetzt - und dabei unverschämt optimistisch aussieht.
Gewählt von
Andrea Kachelrieß, Stuttgart, Stuttgarter Nachrichten: Brit Rodemund in Helena Waldmanns Demenz-Stück "revolver besorgen": Imposanter Tanz am Abgrund, der immer Würde bewahrt
Renate Klett, Berlin, freie Publizistin: Brit Rodemund in "revolver besorgen" von Helena Waldmann
Tom Mustroph, Berlin, Palermo, Neues Deutschland, taz, Neue Zürcher Zeitung: Brit Rodemund in "revolver besorgen". Die Schönheit und die Tragik des Nicht-mehr-Gelingens wurden noch nie so rücksichtslos umgesetzt und trotzdem niemals der Gefahr des Peinlichwerdens ausgesetzt
Melanie Suchy, Düsseldorf, Frankfurt/M., Rheinische Post, Wiesbadener Kurier, K.West: Brit Rodemund, die in "revolver besorgen" von Helena Waldmann das Horchen auf den lautlosen Knall tanzt mit einem Ohr aus Ballett
Dorion Weickmann, Berlin, Süddeutsche Zeitung nennt als Erfreulichstes Ereigniss des Jahres: dass mit Helena Waldmanns "revolver besorgen" die Zukunftsthemen Altern und Demenz auf der Tanzbühne gelandet sind, leider bislang als absoluter Einzelgänger!
und auch Gabriele Gorgas hat im Rückblick auf die Spielzeit 2010/2011 in der Sächsischen Zeitung "revolver besorgen" als beste Inszenierung genannt!
Die Tänzerin des Jahres
Brit Rodemund: weit, auch zu weit gehen, ohne sich zu verletzen
Von Tom Mustroph
Brit Rodemund hat ihren grünen Rucksack schon fast wieder in der Hand, als sie sagt: «Vertrauen ist wichtig. Einen guten Choreografen zeichnet aus, ein guter Menschenkenner zu sein. Du musst Vertrauen bekommen, damit Dinge, die man für unmöglich hielt, möglich werden, damit er aus dir Sachen herauszufordern vermag und du diese Forderung zulassen und dann sehr weit gehen kannst, ohne das Gefühl zu haben, dich benutze jemand.» Mit diesen Worten entschwindet sie durch die Glastür ins Cappuccino-Tischchen-Gewirr des Prenzlauer Bergs. Den Umrissen der zierlichen Frau nachblickend, denkt man irgendwie chemisch: Vertrauen ist die Schlüsselressource, der Treibstoff, der Menschen zusammenbringt und gemeinsam befördert.
Bei «revolver besorgen», dem jüngsten Soloprojekt der Tanzregisseurin Helena Waldmann, hat Brit Rodemund dieses Vertrauen offenbar verspürt. Derart gestützt und umhegt ist sie tänzerisch in Bereiche vorgedrungen, in denen dem menschlichen Intellekt Grenzen gesetzt sind und die Gefühle einer großen Verwirrung unterzogen werden. Brit Rodemund tanzte Demenz. Ein Wagnis, eine Unmöglichkeit eigentlich. «Ich erinnere mich, wie ich irgendwann einfach losgelegt habe und mich nicht mehr dafür interessierte, ob es peinlich wirkte. Ich konnte Widerstände ablegen. Im Vergessensloch, was unsere Probensituation ja auch war, wurde alles möglich: Sabbern, Onanieren, Beschimpfen, Fratzenschneiden und nur eine Sekunde danach Balletttanzen. Irgendwann habe ich aufgehört, an Absicherung zu denken, und bin einfach weiter und tiefer gegangen», so beschreibt sie den Kern der Arbeit mit Helena Waldmann.
Allein um an den Ausgangspunkt der Zusammenarbeit mit Helena Waldmann zu gelangen, musste Brit Rodemund weite Wege zurücklegen. Sie erklomm zunächst Spitzenpositionen im Ballett. Sie war Staatsopernsolistin - mit allem, was es mit sich bringt, in einem Apparat der Perfektion an herausgehobener Stelle tätig zu sein, und mit aller Angst vor jedem noch so kleinen Fehler, der unweigerlich einen ganzen Abend als verloren und zerstört erscheinen lassen konnte. Um neue Freiheiten zu erlangen, künstlerische wie persönliche, ertastete sie später den Interpretationsspielraum der Neoklassik und begegnete schließlich dem zeitgenössischen Tanz. Eine folgenschwere Begegnung. «Ich habe gespürt, es war noch etwa anderes in meinem Körper», sagt sie, um eine Sehnsucht nach unten, nach dem Boden, der Schwerkraft entgegen: «Ich war immer oben, immer auf den Spitzen, immer im Flug», lacht, «und da habe ich gedacht, du musst da unten hin, da gibt es noch etwas anderes, da sitzt eine andere Kraft.»
Sie ging an zu dem von Martin Puttke moderner aufgestellte aalto ballett theater nach Essen und später zu Daniela Kurz in Nürnberg. Seit elf Jahren ist sie nun freie Tänzerin und arbeite unter anderem mit Marco Santi, Nina Kurzeja, Tomi Paasonen, Efrat Stempler und dem niederländischen Choreografenduo Dansity.
Was Brit Rodemund zur Jahrtausendwende bei ihrem Weggang aus dem letzten großen Haus noch nicht genau wusste, aber wohl fürchtete und ahnte, war, dass diese nach oben geöffnete Parabel der produktionsästhetischen Selbstbefreiung mit einer nach unten gekrümmten Parabel im Koordinatenkreuz der sozialen Anerkennung verschränkt sein sollte: Von einer großen, penibel strukturierten Kompanie mit fester Bezahlung und klarem Tagesablauf ging der Weg über lockerer gefasste Zusammenhänge mit weniger Geld und abnehmenden Distinktionsmöglichkeiten in die Welt der freien Tänzer, die heute geheuert und morgen gefeuert werden und sich übermorgen in einem Engagement wiederfinden, das nicht einmal die Kosten für die Miete einbringt, um dabei die Erfahrung machen können, wie paradox und banal zugleich sich das Heute mit dem Morgen und das Übermorgen mit dem Gestern kreuzen.
In «revolver besorgen» nun ist Brit Rodemund ein Bravourstück gelungen, das mehr als zwei Jahrzehnte Tanzerfahrung kondensiert und konzentriert. Die Tänzerin Brit Rodemund und die Tanzregisseurin Helena Waldmann extrahieren Elemente des Balletts. Sie präparieren sie als zarte, zerbrechliche Hüllen und setzen sie dem Bewegungsablauf des Verfalls aus. Giselle, die schwebende Figur des romantischen Balletts, findet sich auf dem Boden sitzend wieder, selbstvergessen mit ihren Schläppchen spielend wie Kinder mit Bauklötzen. Carmen, die Fordernde und Werbende, ist im Oberkörper abgeknickt. Der Blick richtet sich auf die Erde. Die schwungvollen Bewegungen, die Aufmerksamkeit erregen sollen, die Stolz markieren, laufen in etwas Suchendes und schließlich sich selbst Verlierendes aus.
Diese Transformation ist Absicht. Denn «revolver besorgen» zeigt den Verlust auf, den ein Demenzkranker an sich selbst erkennt und erleidet und den - auch und vielleicht vor allem - die anderen an ihm diagnostizieren. «Die Demenz trifft uns im Kern unseres Selbstverständnisses. Deswegen ist sie auch so bedrohlich. Das ist nicht sowas wie Krebs, Tuberkulose oder Syphilis, sondern es ist das, was uns in unserer ureigenen Existent am meisten bedroht», sagt der Soziologe Reimer Gronemeyer in einer Audioeinspielung im Stück. Als «Abbruchkanten» bezeichnet Helena Waldmann dann auch jene Momente, in denen der Kopf nach unten fällt, der Oberkörper zusammensackt, sich die Glieder aber noch immer an jene Bewegungen erinnern, die sie einst ausgeführt haben, die in sie eingeschrieben sind, die sie jetzt reproduzieren und dabei einer Bedeutungsverschiebung unterziehen.
Diese Methode wurde gefeiert. «Ein Höhepunkt der Saison!», jubelte die Tanzkritikerin Melanie Suchy. «Ihre Ballettsequenzen strahlen klassische Schönheit aus, dann bröseln sie, sie erstarrt in Pose oder senkt den Oberkörper, als müsse der Kopf nicht mehr oben sein», schreibt sie. Willibald Spatz lobt bei «nachtkritik» «eine eigenartige Faszination für diesen schwebenden, traumähnlichen Demenzzustand», die durch die Überlagerung von Experteninterviews zum Thema Demenz und Brit Rodemunds Aktionen entstehe.
Auch für die Tänzerin selbst stellte die Produktion einen Meilenstein dar. «Wenn mich vor zehn Jahren jemand gefragt hätte nach einem Bild für das, was ich erreichen möchte, und ich damals ‹revolver besorgen› gesehen hätte, dann hätte ich bestimmt gesagt: ‹Wenn ich da einmal hinkomme, bin ich glücklich.› Denn ‹revolver besorgen› bündelt sehr viel in meinem Leben. Es ist Freiheit darin, Klassik, szenische Momente, Dreck, Reibungen. Es hat alles, was ich mag», sagt sie. «revolver besorgen» ist eine Studie der Erinnerung, ästhetisch wie thematisch. «Ich fand es schön, mich noch einmal ganz groß mit Klassik auseinanderzusetzen. Das war heilsam. Manchmal denkt man ja, man soll dem Gewesenen keine Träne nachweinen. Aber es hat ganz lang zu meinem Leben gehört, und ich mag es auch sehr. Dieses Material zu nehmen und in einen ganz anderen Kontext zu setzen, brachte es mir nicht nur wieder nahe, sondern verlieh ihm gleichzeitig eine neue Dringlichkeit», sagt Brit Rodemund, denn ihr Körper erinnerte sich an alles. Jede Bewegung war eingeschrieben, eingeprägt, zuweilen selbst noch Korrekturen, die vor fast zwanzig Jahren erfolgt sind. «Du machst diese Bewegung, und plötzlich kommt dir diese Korrektur in den Sinn. Das ist schon verrückt», findet sie.
Das Tüfteln am Abbröckeln des Klassischen verlieh diesem körperlichen Erinnerungsprozess eine weitere Dimension - und machte großen Spaß: «Es war unglaublich, damit zu arbeiten, herumzukneten, die Bewegungen auseinanderzuziehen und zu gucken: An welcher Stelle baue ich einen Bruch ein? Wo setze ich das Röcheln im Penché? Was geschieht mit einer Pirouette, die ich mit geneigtem Kopf tanze?» «Es bleibt die ‹Carmen›, das Material der ‹Carmen›, doch es wird spannender, seltsamer», sagt Helena Waldmann und setzte ausgehend von dieser Erfahrung in einem Interview zu einem fundamentalen Diskurs an: «Diese vorgeschriebenen Wege im Ballett sind Quatsch. Warum soll eine klassische Tänzerin ab einem bestimmten Alter nur noch die Mutter tanzen? Das Stück ist ein Plädoyer für einen Ausbruch aus diesen Einbahnstraßen und klar vorgegebenen Richtungen.»
Brit Rodemund ist schon vorher ausgebrochen. Die Tänzerin nahm etwas verärgert zur Kenntnis, dass ihr wegen der neuerlichen Berührung mit Formen des Balletts in «revolver besoregn» nun wieder das Etikett der Ballerina aufgesetzt wurde. «Ich bin das nicht mehr. Seit elf Jahren bin ich freischaffende Tänzerin im zeitgenössischen Tanz», stellt sie klar. Aber sie verhehlt nicht, was die alte Welt ihr gegeben hat: Konzentration, Motorik, eine bestimmte Form der Dynamik, ein geschliffenes Körperinstrument: «Als ich freischaffend wurde, habe ich zunächst gedacht: ‹Das mache ich jetzt nicht mehr, das kann ich wegwerfen.› Doch dann kam mir in den Sinn, dass das alles ja zu mir gehört. Und ich sah, dass viele moderne Tänzer klassisch trainieren, weil dies den Körper anders erzieht.»
Es gibt sogar Dinge, die sie vermisst, die sich bei den gegenwärtigen Produktionsbedingungen des zeitgenössischen Tanzes einfach nicht herstellen lassen: «Ich hätte schon gern eine Garderobe. Dann müsste ich nicht immer diesen grünen Rucksack mit mir rumschleppen», denn freie Tänzer vagabundieren sind von Probenraum zu Probenraum. Zurück in den Ballettbetrieb mit all der Infrastruktur und sogar einem festen Platz an der Stange will Brit Rodemund, selbst wenn sie es könnte, nicht. Lieber unternimmt sie einen weiteren Ausflug in ihr noch wenig vertrautes Terrain. Sie entwickelt ihre eigene Choreografie im Tanz-Akrobatik-Musik-Spektakel «The Time Between», das im August in Tallinn gezeigt wird. Für die Zukunft erhofft sie sich vor allem Vertrauensgaben von Choreografen, um mit ihrem Instrument in neue künstlerische Räume vorzustoßen. Dafür hält sie ihren grünen Rucksack bereit, der all die Dinge enthält, die für einen Tänzerinnenarbeitsplatz wichtig sind. Ein neues, immaterielles Werkzeug darin ist die Radikalität, die sie in der Arbeitsweise bei «revolver besorgen» erfuhr. «Die war ja schon im Thema des Stücks angelegt: Die Freiheit, die im Vergessen liegt, trifft auf Festgeschriebenes, Vertrautes und schon oft Wiederholtes». Es ist ein Paradox, ein Widerspruch, womöglich gar ein dialektischer Zusammenhang, dass eine besondere Qualität des Entdeckens gerade im Vergessen liegen kann. In «revolver besorgen», einem in den Raum geschriebenem Nachdenken über das Vergessen, hat Brit Rodemund ihren Teil zu einen unvergesslichen Abend beigetragen.
tanz jahrbuch 2011